Authentizität – Der Schlüssel zum Glück?

S chon wieder dieser komische Begriff –  „Authentizität“… Wir hören ihn hier und dort mal wieder, wenn etwas für echt und unverwechselbar gehalten wird. Aber ist das schon alles? Ist Authentizität einfach nur ein Synonym für Echtheit? Oder steckt noch mehr dahinter? Und sind wir noch authentisch, wenn wir uns „anpassen“?

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Der Begriff „Authentizität“ wird heutzutage in verschiedenen Kontexten verwendet. Wir beschreiben Orte und Dinge als authentisch, die etwas Unverwechselbares haben. Oder  bestimmte Erlebnisse, die aus den sonstigen Alltagserfahrungen stark hervortreten.

Ich möchte hier aber auf die menschliche Authentizität eingehen – die für mich einzige Quelle von Authentizität. In Fachbüchern nennt man diese auch die existentielle Authentizität, die auf dem Kern des Inneren beruht. Denn es sind nicht die Objekte und äußeren Umstände, die authentisch sind, sondern unsere Sicht, wie wir sie wahrnehmen.

Ich fange mal mit einer persönlichen Geschichte aus meiner Vergangenheit an. Sagen wir als eine erste vertrauensschaffende Maßnahme:-)

Als ich klein war, habe ich oft gespürt, dass ich vor meinem Vater nie wirklich ich selbst sein konnte. Jetzt im Nachhinein denke ich mir, wirklich erstaunlich, dass ich schon als kleines Kind wusste, dass da etwas mit meinem Verhalten nicht stimmt und ich mich eigentlich gerne anders verhalten wollte. Ich hatte mich vor meinem Vater oft kleiner gefühlt, als ich es in Wirklichkeit gewesen war und konnte auch im höheren Alter nicht die souveränen Gespräche mit ihm führen, die ich gerne mit ihm führen wollte. Er sah mich immer als sein kleines Mädchen und ich hatte das Gefühl, mich auch genauso verhalten zu müssen. Ich hatte Angst, ihn zu enttäuschen, wenn ich mich von meiner unliebenswürdigeren Seite gezeigt hätte. Auch fühlte ich mich unter einen hohen Erwartungsdruck gesetzt, was meine persönliche Entwicklung anging. Er hatte schreckliche Angst, dass ich nicht das werde, was er sich für mich wünschte und diese Angst hat er mir deutlich zu spüren gegeben. Dazu muss ich sagen, dass er ein sehr dominanter Mann war, der gerne Regeln aufstellte und bei Nichteinhaltung auch etwas strengere Sanktionsmaßnahmen ergriff. Dieses Verhaltensmuster hatte ich auch noch viele Jahre später und zwar immer bei Personen, die für mich eine Authorität ausstrahlten oder etwas Bewundernswertes für mich hatten, das für mich unerreichbar erschien. Genauso unerreichbar wie die Erwartungen meines Vaters.

Als ich älter wurde, fing ich an eine Rebellion zu starten:-). Ich ging oft mit den Mädels aus und überschreitete dabei immer wieder meine Grenzen. Das Leben machte mir einen riesen Spaß! Es war mir egal, was andere über mich dachten und welche Konsequenzen mein Verhalten haben konnte. Ich lebte den Moment und gab mich dem Fluss des Lebens hin. So etwas wie Angst kannte ich nur aus Horrorfilmen! Damals hätte ich mich zugegebenermaßen als sehr selbstbewusst beschrieben. … Jetzt weiß ich, dem war  nicht so, denn meiner Selbst bewusst war ich noch lange nicht…

Dann kam der Wendepunkt

In meiner ersten, sagen wir „richtigen“ partnerschaftlichen Beziehung, merkte ich nach einer gewissen Zeit, dass sich alles irgendwie oberflächlich anfühlte. Ich fragte mich, welchen Sinn eine Beziehung haben könnte. Ich begann alles zu hinterfragen. Besonders die Beziehung zu mir selbst. Aber auch die mit meinen Mitmenschen. Ich hinterfragte mein generelles Beziehungsverhalten und auch das, was ich zu geben bereit und empfangen habe. Gab ich vielleicht zu wenig und erwartete mehr zu empfangen? Oder andersrum – konnte ich vielleicht nicht nehmen und gab zu viel, bis ich mich selbst ausgenommen fühlte? Wann war etwas richtig und wann falsch? Gibt es überhaupt eine „absolute“ Wahrheit, die vorgibt, was richtig und was falsch ist? Die Wahrheit kann doch immer nur relativ sein, genauso relativ wie Meinungen; genauso relativ wie Schönheit.

Durch dieses ständige Hinterfragen war es, als hätte sich ein neuer Raum in mir geöffnet, der mit neuen Erfahrungen gefüllt werden wollte. Diese Erfahrungen sollten tiefsinnig und wahr sein. Ich bemerkte eine nie dagewesene Tiefe in mir, die erforscht werden wollte und sich nach Gleichsinnigkeit sehnte. Nach Menschen, die die gleichen Fragen hatten und das Leben ebenso als ein Mysterium sahen. So begann ich nach meiner inneren Wahrheit zu suchen und so änderte sich allmählich auch mein Lebensstil und die Menschen um mich herum. Ich wollte diese Tiefe noch mehr ergründen und meinen Horizont erweitern. Es fing sogar richtig an Spaß zu machen, sich die Umwelt wie einen Spiegel vorzustellen und sich darin jedes Mal neu zu entdecken. Endlich wusste ich, was es bedeutete, das Leben nicht nach der Breite und Länge zu messen, sondern nach der Tiefe. Das war meine erste, für mich die bedeutsamste Selbsterkenntnis, die alles, was ich bisher dachte, auf den Kopf stellte und neu definiert werden musste – aber diesmal aus eigener Erfahrung heraus und keinen fremdauferlegten Meinungen.

Die vielen Fragen haben mir aber nicht nur neue Wege geebnet, sie brachten mich auch dazu, vieles von mir selbst aufzugeben, was sehr schmerzhaft und manchmal richtig qualvoll war. Tiefer Kummer und Depressionen machten sich breit, als sich Stück für Stück das, woran ich glaubte, als Illusion entpuppte. Persönliche Werte und Glaubenssätze, die mich lange Zeit durchs Leben trugen und verantwortlich für meine Realität waren, sind wie ein Turm in sich zusammengebrochen. Und Stein für Stein musste er neu erbaut werden. Erst das Fundament, das mir fehlte und verantwortlich für mein ständiges Stabilitätsbedürfnis war; dann die größeren Steine, die das definierten, was mir am wichtigsten war. Und dann kamen die kleineren, die die Lücken füllten und für die kleinen Dinge im Leben stehen, die glücklich machen.

In jener düsteren Zeit (die sich natürlich nur in meinem Kopf abspielte) hielt ich es für sehr unwahrscheinlich, jemals aus dieser Dunkelheit herauszukommen. Mir fehlte der Boden unter den Füßen, ich wusste nicht wohin mit mir selbst, alles fühlte sich perspektivlos an. Ich war ziemlich gut darin, mich selbst runterzuziehen und mein Selbstwertgefühl zu zerstören. Ich sabotierte mich monatelang selbst, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Dann kam der Punkt, an dem ich zu mir selbst sagte: „Es reicht! Ich will nicht mehr leiden!“

Ich musste mich befreien. Es blieb mir nichts anderes übrig, als offen darüber zu sprechen. Wenn auch nur, um zu hören, dass es OK ist, wenn man sich schlecht fühlt. Nach und nach kamen Menschen in mein Leben, denen ich mich öffnen konnte und ihnen sogar meine tiefsten seelischen Abgründe anvertraute. Für mich waren es Abgründe, denn davor kannte ich nur das gegenteilige Extrem von Erfahrungen. Und das war das Beste, das ich für mich tun konnte, denn es war befreiend alles auszusprechen und vorallem vom Gegenüber nicht verurteilt zu werden. So lernte ich auch über mich selbst nicht mehr so streng zu urteilen.

Vielleicht fragst Du dich jetzt, was das alles mit Authentizität zu tun hat?

Nun, ich kenne es nur zu gut, wie es ist, wenn man sich verloren fühlt und das ständige Gefühl hat, man müsste irgendwo ankommen. Nach Hause ankommen. Vielleicht gibt es einige unter euch, die trotz eines festen Zuhauses dieses Gefühl haben.

Ich weiß heute, dass dieses „Nach-Hause-ankommen-wollen-Gefühl“ daher kam, dass ich nicht wusste, wer ich bin und aus Unsicherheit auch nicht der Mensch sein konnte, der ich war. Ich habe nicht authentisch gelebt und meine Handlungen ständig hinterfragt und sie versucht an die Gesellschaft anzupassen. Ich bevorzugte immer mehr das Alleinsein. Denn alleine konnte ich authentisch sein, ohne Angst, dass mich die „Anderen“ verurteilen.

Bis ich mich fragte, wer sind überhaupt die „Anderen“?

Martin Heidegger hat sich damit ausführlich befasst und gesagt:

„Diese Anderen sind dabei nicht bestimmte Andere. Im Gegenteil, jeder Andere kann sie vertreten.“

Wo er Recht hatte, denn als ich über „die Anderen“ nachdachte, stellte ich mir keine bestimmten Personen vor – jeden einzelnen mit seiner individuellen Meinung – nein, die Anderen repräsentierten für mich eher so etwas wie eine kollektive, urteilende Meinung. Als ich dann versuchte, mir die Meinung von jedem einzelnen, dessen Meinung mir wichtig war, vorzustellen, bemerkte ich, dass ich gar keine Angst mehr haben brauchte. Denn jeder würde wohl etwas anderes denken. Der eine würde es gut, der andere weniger gut finden – jeder ganz nach seinem eigenen Geschmack.

Und nebenbei: Wieso sollte die Meinung von denen wichtig sein, die schlecht über dich denken? Wäre es nicht viel schöner, nur Menschen um dich zu haben, die dich unterstützen und an dich glauben?

Diese Einsicht hat mir dabei geholfen, mir nicht mehr den Kopf darüber zu zerbrechen, was andere von mir denken. Denn diese Anderen waren nichts als eine Illusion – ein Traum von einer kollektiven Meinung.

Ich begriff, dass ich fremde Meinungen nicht steuern konnte, egal wie sehr ich mich anpasste. Man kann es eben nicht allen Recht machen! Und jeder Versuch wäre nur Manipulation des Gegenübers und reine Selbsttäuschung. Und wer will schon bewusst seine Mitmenschen manipulieren und sich selbst betrügen? Das müssten schon wirklich egoistische Menschen sein, die nur auf ihre eigenen Vorteile bedacht sind. Aber auch solche sind sich ihres eigenen Verhaltens nicht bewusst. Solche Menschen sind nicht glücklich. Denn wer möchte sich schon bewusst für das Unglück entscheiden?

Hier kommen wir wieder zurück zum ersten Schritt – der Selbsterkenntnis. Denn die Selbsterkenntnis ist die Tür, die zum Herzen und der Integrität mit der Umwelt führt.

Vielleicht hast Du ähnliche Erfahrungen gemacht? Oder Du hast dich noch gar nicht mit dem Thema auseinandergesetzt, möchtest dich aber mehr damit befassen? Schreib mir einfach:-)! Gerne auch im Kommentarbereich! Ich freue mich, von Dir zu hören!

 

Literaturquelle: Heidegger, Martin (2006). Sein und Zeit. Tübingen: Max Niemayer Verlag

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