Wandel und Hingabe

W ann hast du das letzte Mal einen Wandel erlebt? Wie hast du darauf reagiert? War es deiner Meinung nach ein positiver oder ein negativer Wandel? Wann findet für Dich Wandel statt? Und wann hast Du dich dem Wandel so richtig hingegeben, ihn mit Freude empfangen und voll und ganz in dein Leben eingeschlossen? Du erinnerst dich? Dann kennst du womöglich bereits das Gefühl der Hingabe. Der Zustand, in dem Du losgelöst von der Zeit und weder an die Zukunft, noch an die Vergangenheit denkst, weil Du den jetztigen Moment, so wie er ist, überhaupt nicht ändern möchtest.

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….Ich bin aber sicher, es gibt Menschen, die diesem Gefühl noch keinen Eintritt in ihr Leben gewährt haben, weil sie denken, dass so schöne Gefühle nur privilegierten Menschen zustehen. Sie denken womöglich, sie hätten es nicht verdient, in Hingabe zu leben. Und manche haben auch einfach keine Kraft mehr, irgendetwas an ihrer Lebensweise zu ändern, da sie ihr gewohntes Gefühl, das in ihrem Leben schon so lange herrschte, wie die Angst, Trauer und Leid, nur schwer aufgeben können.

B ei mir war es so: Meine Eltern hatten sich getrennt, als ich noch ein Kind war. Damals musste meine Mutter ihre Selbstständigkeit aufgeben und damit den Job, den sie über alles liebte, damit sie für uns Kinder sorgen konnte. Seitdem habe ich meine Mutter nie wieder so strahlen sehen, wie sie es in ihrer Selbstständigkeit tat. Das ist nun zwanzig Jahre her. Allmählich erlebte ich sie nicht mehr als den Menschen, der mir die Hingabe und Leichtigkeit vorlebte, sondern als jenen, der mir das Leid vorzeigte.

Wie hätte ich denn damit umgehen sollen, als mich dagegen zu widersetzen?

Ich wollte, dass meine Mutter wieder die Powerfrau von damals wird! Die neue Rolle, in die sie schlüpfte, hat mir gar nicht gefallen. Ich mochte ihre neue Rolle nicht, denn sie löste in mir Schuld und Trauer aus. Ich fühlte mich schuldig, dass Sie ihr Strahlen aufgab.

Somit beeinflusste Ihr Wandel auch meinen inneren Entwicklungsprozess. Gefühle, wie Schuld, Trauer, Wut, Widerstand, Versagen, Angst, Unsicherheit, Zweifel – ich bin sicher, das waren die Gefühle, die Sie all die Jahre in sich trug – die sich dann aber auch in mir widerspiegelten.

Recht früh nahm ich Emotionen in mir wahr, die ich nicht erklären konnte. Ich wusste nicht woher sie kamen und oft musste ich dann innehalten und mich daran erinnern, wo ich stehe, was ich bisher erreicht habe, welche Unterstützung ich dabei erhalten habe und keinen „Existenzverlust“ zu befürchten habe. Ich verurteilte mich für die Gefühle, die in mir waren. Und so wurde alles noch schlimmer, denn jetzt waren es nicht mehr die projizierten Emotionen meiner Mutter, sondern auch noch selbsterschaffene Versagensängste, die das alles noch verstärkten. Nicht nur, dass ich mich mit so einer inneren Haltung als beziehungsunfähig sah, auch war ich bei der Jobsuche erfolglos, denn ich fühlte mich jedes Mal nach kürzester Zeit unerfüllt und sprang von einem Job in den nächsten, mit der Hoffnung, endlich wieder die Erfüllung zu finden. Jetzt glaube ich, dass das meine unbewusste Suche nach der Erfüllung war, die ich mir auch so sehr für meine Mutter wieder wünschte. Ich wollte es ihr auf keinen Fall gleichtun und meine Lebenszeit in eine Arbeit verrichten, die mich unglücklich machte.

Wie Du siehst, war das Gefühl des inneren Widerstands und der Ablehnung ein langer Zustand in mir. Hingabe und Leichtigkeit empfand ich nur dann, wenn ich feiern ging, Urlaub machte oder mir eine Auszeit in der Natur nahm.

Dieser Zustand besserte sich, als ich mein Inneres genauer beobachtete. Ich versuchte, die Emotionen in meinem Körper zu lokalisieren und sie richtig wahrzunehmen. Ich nahm mir aktiv Zeit dafür, indem ich mir einen ruhigen Ort aufsuchte, mich auf meinen Atem fokussierte und all den Gedanken und Gefühlen freien Lauf ließ. Ich wollte meine Gefühle verstehen. Und das klappte auch, denn ich begann immer mehr von ihnen zu lernen und sie als meine Richtungsweiser anzuerkennen. Mit der Zeit pendelte sich diese Art von Selbstreflexion (oder auch Meditation) auch in meinen Alltag ein, indem ich immer wieder Mal innehielt und mich selbst fragte „Was fühle ich eigentlich gerade?“ „Und welcher Gedanke könnte dieses Gefühl ausgelöst haben?“. Viele nennen dies Meditation, aber für mich ist es Selbstreflexion. Wenn ich es Meditation nenne, fühlt sich womöglich der ein oder andere Leser ausgeschlossen, da er einfach nicht der Typ ist, der gerne meditiert und Räucherstäbchen anzündet:-) Wenn ich aber von Selbstreflexion schreibe, dann erreiche ich damit denke ich eher die Mehrheit, denn Selbstreflexion ist genauer betrachtet keine Aktivität oder Tätigkeit, die man körperlich ausüben oder sich dafür (räumlich, zeitlich, innerlich) vorbereiten müsste.

Die Selbstreflexion ist mehr ein innerer Prozess, der immer in uns stattfindet, aber für uns erst dann hilfreich wird, wenn wir unsere Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Dieser Prozess versucht die Gedanken mit den Gefühlen ständig in Integrität zu bringen. Dies gelingt ihm am besten, wenn wir ihn beobachten. Wenn wir ihm keine Aufmerksamkeit schenken, dann droht dieser Prozess auszuufern und es entsteht ein Chaos. Ein Chaos von Gefühlen und Gedanken, die wir dann erst durch Meditation wieder richtig ordnen können.

Es nützte mir aber nichts, meine Gefühle und Gedanken zu ordnen, wenn ich kein inneres Ziel hatte, wie ich denn gerne fühlen und denken wollen würde.

 

Ich setzte also für mich meine persönlichen Werte fest, für die ich stehen will. Ich wollte Zuversicht, Hingabe, Dankbarkeit und vorallem Wahrheit in mein Leben ziehen. Und die Hingabe lernte ich am besten, indem ich mir meine Umwelt, vorallem die meiner Mutter (da mir ihr Befinden am nächsten stand und auch mich am meisten verletzen konnte) als ein Theaterstück vorstellte und mich als den Zuschauer. So schaffte ich eine Distanz zwischen mir und der Außenwelt, die mir eine klare Sicht ermöglichte, ohne mich dabei von aufkommenden Gefühlen überwältigen zu lassen.

Die klare Sicht lud mich dazu ein, die Dinge, wie sie nun mal sind, zu akzeptieren. Je öfter ich mich in die Rolle des neutralen Beobachters versetzte, desto mehr merkte ich, dass ich gar nicht verantwortlich für das Empfinden meiner Mutter war, sondern nur für mein eigenes.

Jedes Gefühl ensteht dadurch, wie Du deine Außenwelt wahrnimmst und wie dein Verstand diese interpretiert und bewertet. Wenn Du Dinge als schlecht bewertest, hat dies eine Funktion: Du weißt dann, dass diese Richtung nicht gut für dich ist. Dann kannst Du umkehren oder eine andere Richtung wählen. Und auch wenn sich die eingeschlagenen Richtungswechsel ein Dutzend Mal nicht gut anfühlen, dann bedeutet das nicht, dass Du versagt hast und aufgeben solltest, sondern eben nur ein weiteres Mal die Richtung wechseln solltest. Denke dann nicht, dass das Leben es nicht gut mit dir meint. Woher sollte das Leben wissen, wie oft du schon die falsche Richtung gewählt hast? Außerhalb Deines Körpers gibt es keine Zeit. Und auch das Leben findet nur innerhalb deines Körpers statt. Es ist nur wieder eine Sache deiner Interpretation, wie oft du in deinem Leben hingefallen und aufgestanden bist. Es liegt alles in Deiner eigenen Verantwortung, wie Du Dinge siehst und welchen Wert Du ihnen gibst. Und das ist wundervoll, denn das macht frei!

Und so kommst Du auch in einen Zustand der Hingabe, denn du weißt, dass alles, was um dich geschieht da ist – so oder so. Aber wie du es interpretierst, liegt in deiner Hand. Versuch doch einfach einmal dich an eine Situation zu erinnern, die du nicht gut fandest und dich traurig gemacht hat. Entspricht diese Situation (oder dieser Mensch) tatsächlich dem, wie du sie bewertet hast? Wie würde wohl jemand anderes diese Situation sehen? Oder wie würdest du sie in zwanzig Jahren sehen? Vielleicht würde sich dann deine Bewertung oder Interpretation ändern. Vielleicht würdest du sogar etwas Positives darin erkennen. Aber vielleicht würdest Du auch einfach nur einsehen, dass es nichts bringt, sich den Dingen zu widersetzen, denn sie geschehen auch ohne dein Zutun.

…Wir sollten nicht alles so ernst nehmen. Obwohl ich selbst nicht gerade alt bin, finde ich doch, das Leben ist viel zu kurz und wir sind nur wie kleine Sandkörner, die vom Ozean geformt und wieder verschluckt werden. Wir sollten unsere Zeit hier genießen, Erfahrungen sammeln – Ja! – aber nicht erlauben, uns von einer schlechten Erfahrung niederzumachen und uns unseres Lebenssinns zu berauben.

Übst Du dich auch in Selbstreflexion? Welche Erfahrungen hast Du dabei gemacht?

Ich freue mich auf Deine Nachricht:-)

 

 

5 comments

Add Yours
  1. Glastradamus

    Ich habe deine Blog zufällig über Blog-Tags gefunden und bin sehr froh um diesen Zufall. Hier ist eine Perle der Bloggerwelt im Entstehen. 😉
    Um auf die Frage zu kommen: ja, tatsächlich, auch ich übe mich in Reflexionen, manchmal auch nur aus der Notwendigkeit heraus. Auf meinen Hauptblog habe ich dazu sogar eine ganze Reihe „entworfen“, konnte aber nach fast 6 Jahren leider den eigenen Grundgedanken dahinter bis dato nicht einmal ansatzweise nachkommen. Reflexionen sind eben doch eher persönlich.

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    • MartaMed

      Hallo:-) Vielen Dank für deinen Kommentar und das schöne Kompliment!
      Das ist sehr interessant, was du sagst. Ich werde mir deine Reihe durchlesen und würde dann gerne darauf zurückkommen.
      Du hast Recht, Reflexionen sind individuell, aber was denke ich für jeden gilt ist, dass manchmal die gesuchten Antworten ganz von alleine kommen, sobald wir die „Suche“ nach ihnen loslassen. Manchmal sehen wir das große Ganze nicht mehr, wie ein Gebäude, wenn wir zu nahe davor stehen. Die Distanz hilft oft für Klarheit:-) Soviel konnte ich für mich feststellen…
      Dennoch wäre es interessant zu wissen, nach welchem Grundgedanken du suchst und was du dir davon erhoffst, wenn du diesen erfährst. Meinst du vielleicht so etwas wie einen prioritären persönlichen Wert, den du verfolgst?
      Ganz liebe Grüße

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  2. Glastradamus

    Der Grundgedanke war einfach: weniger Eigenreflexion, d. h. auf falsche oder gar fehlende Reflexionen aus den Themenkreisen der Philosophie, Pädagogik und Religion einzugehen. Das gelang mir nicht oder nur unterschwellig und in den wenigsten der wenigen Blogposts, die ich unter diesem Label schrieb. Unbedacht außergewöhnliches schrieb ich aus der eigenen Warte jedoch in einer Sache, die mich selbst betraf, nämlich mich in der Rolle eines Sterbebegleiters.
    Der pers. prioritäre Wert – ein schöner Begriff – geht wohl durch jede meiner Schreib- und Textaufnahmen, zumindest schwingt er hintergründig mit. Vielleicht, das kann ich selbst nicht so beurteilen. 🙂

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    • MartaMed

      So, wie ich das verstehe, hast du versucht, weniger aus dem subjektiven Verstand heraus, sondern mehr aus einer objektiven, allgemein gültigen Ebene zu schreiben?

      Wenn das so ist und dir dies in dieser besonderen Rolle, in die du dich versetzt hast, gelungen ist, dann bedeutet es für mich, dass du hier von Emotionen geleitet wurdest, die dem Verstand, der sich sonst so gerne mit philosophischen, pädagogischen und religiösen Ansichten mit einbringt, keinen weiteren Raum gewährt haben, um so in ihrem Fluss nicht unterbrochen zu werden.
      Vielleicht meinst du das mit „unbedacht außergewöhnliches“?

      Ich habe für mich festgestellt, dass jeder Gedanke, der mir keine Freude oder Nutzen bringt, für mich ein unwahrer Gedanke ist, dem ich somit gelernt habe, keine emotionale Bedeutung zuzuschieben. Dies ist für mich mein Leitgedanke, bzw. Grundgedanke:-).

      Lieben Gruß

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